Verwunderlich, was man nicht vergisst.

Der 19. August, an diesem Tag hatte Sancho Geburtstag. Sancho ist schon über 15 Jahre tot, vermutlich erstickt an einem Hühnerknochen, wenn man der Erzählung meines Vaters Glauben schenken darf. Ich würde ihm jedoch gar nichts schenken, nicht mal Glauben.

Sancho wurde von ihm verprügelt. Er wurde eingesperrt, so lange, bis er in die Räume kacken musste, und länger. Er wurde nicht allein weggesperrt, sondern zusammen mit einem zweiten Hovawart-Rüden. Sie bissen sich in all den Jahren immer wieder, der andere Hund geriet mal in die Maschine und zog sich einen Splitterbruch zu. Doch auch das konnte den alten Herrn nicht davon überzeugen, seine Tiere kastrieren zu lassen geschweige denn abzugeben. (Jene Kastration hätte auch die Falschen getroffen.)

Mir tut es manchmal sehr leid, dass ich nicht den Mumm hatte, sie zu stehlen.

Einmal hätte ich es fast getan, nachdem er in Urlaub fahren und die Hunde alleine zuhause einsperren wollte. Doch als wir uns zum Haus schlichen, war er doch da, und wir machten den weiten Weg kein zweites Mal. Einmal riefen wir den Tierschutz (ja, alter Herr, wir waren das), doch außer ein paar Auflagen („Gehen Sie mit den Hunden jeden Tag mindestens eine Stunde lang spazieren“), die nie kontrolliert wurden, geschah nichts.

Spazieren gehen gestaltete sich bei ihm so: Auto fahren, unterwegs die Hunde raus lassen, hinterher rennen lassen. Oder einfach Haustür auf, Kollateralschaden z.B. ein Postbote.

Eines Tages habe ich es auch gemacht: mein Türchen auf, raus mit ihm. Das mit dem Hinterherrennen würde ich ihm nicht empfehlen; Sanchos Geburtstag, ich weiß es noch.

Mag sein, dass er nun alt und ungefährlich ist, doch kann man jemandem, der sich seiner ganzen Schuld nicht mal bewusst ist, schwer verzeihen, ohne seine Taten zu legitimieren. „Ich hatte halt so viel um die Ohren, ich hab nicht geschlagen, und wenn, dann war ich betrunken.“ – „Ach so, naja dann, und supi, dass du nun wieder mein Papa bist.“

Da halte ich es doch lieber mit Tocotronic: „Ich mach meinen Frieden mit euch, hallo… “


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