Update: Wenn Gehweg-Radfahrer so viel Angst haben, auf Berlins gefährlichen Straßen zu fahren, warum lassen sie es dann nicht einfach bleiben? Wer zwingt sie denn, das Rad zu benutzen?

Update2: Heute als Schlampe und Derberes bezeichnet worden, weil ich der Gehwegradlerin nicht mein Kind aus dem Weg gezogen habe. Sie musste absteigen, arme Wurst. Wegen dem üblen Kind.

liebe herz © A. TemmingIch hasse sie.

Mehrmals am Tag hasse ich sie. Ich laufe durch den Kiez, an der Hand die kleine Tochter, keine zwei Jahre alt. Manchmal lässt sie los, wackelt über den Gehweg, sammelt Steine, tupft den Finger in Pfützen und benetzt ihre Schuhe. Dann richtet sie sich auf und stolpert in irgendeine Richtung weiter. Schwer berechenbar.
Ich beobachte nicht nur sie, ich lasse auch den Gehweg nicht aus den Augen. Links, rechts, links, sie, links, und dann kommt die Krise.
Denn dann kommen sie.

Sie sitzen fett auf ihren Rädern und fahren heran, manche bremsen immerhin ab, doch kein einziger steigt vom Rad. Alle fühlen sich im Recht, und das Hindernis, die Gefahr, das bin ich. Ich soll zur Seite gehen, meine Tochter wird knapp umfahren, giftige Blicke. Ich hab es so verdammt satt. Wo sollen wir denn bitte hin? Sollen wir auf der Straße laufen? Gibt es denn in diesem Kiez keinen Raum für Fußgänger außer den kleinen, zugeschissenen Rasenflächen in Grünanlagen? (Warum kann Hundescheiße nicht ätzend auf Radreifen wirken, dann wäre das Problem zumindest im Friedrichshain gelöst. Futterhersteller sollten darüber mal nachdenken.) Neulich im ruhigen Teil der Wühlischstraße: Ich frage, warum die beiden nicht auf der Straße fahren, es liegt doch nicht mal Kopfsteinpflaster. Antwort: „Hier gibt es ja keinen Radweg!“

Bitte?! Sie fahren auf dem Gehweg, weil in der ruhigen Straße kein Radweg vorhanden ist? Wer setzt solche Gerüchteregeln in die Welt? Wo sollen wir hin, wenn der Gehweg weg ist, weil er Radweg ist? Sie klauen uns unseren Lebensraum, die Schisser, die Assis, die über mangelnde Rücksichtnahme der Autofahrer jammern und im gleichen Atemzug nicht weniger dreist die Fußgänger beschneiden. Ungerechte Ignoranz. Ich würde nie eine Ameisenstraße zertreten, nur weil ich aus Angst vor Hauseingängen, Bordsteinen oder anderen hochgefährlichen Gehwegwidrigkeiten unbedingt da lang laufen müsste. Man muss sich doch nur minimal in den Schwächeren reinversetzen, um zu kapieren, was man da tut. Und genau das ärgert mich, die ganze Rücksichtslosigkeit und fehlende Einsicht. Diese Selbstverständlichkeit, mit der sie klingeln. Sprüche wie „Dann zieh doch aufs Land!“ oder „Du kannst doch am Rand laufen!“

Wenn ich den Kinderwagen aus dem Haus schiebe, muss ich erst die Nase vorstrecken, ob ein Radfahrer kommt. Würde sich abends die kleine böse Wünsch-dir-was-Hexe an mein Fenster setzen, würde ich sagen: „Mach bitte, dass morgen jedem Gehwegradfahrer ein Hund ins Rad läuft, der aus einem Hauseingang herausspringt. Und je schneller er gefahren ist, desto mehr Sternburg-Export-Deckel sollen vor ihm liegen, genau dort, wo er mit der Schnauze landet.“


1 Antwort zu „Esel ohne Draht zur Außenwelt“

  1. 1 Eduard vom Steinhof

    Du hast vollkommen recht mit deiner Kritik an rücksichtslosen Verkehrsteilnehmern, auch wenn ich selber ein eingefleischter Radfahrer bin und eingestehen muss, dass ich hin und wieder mit dem Rad auf Fußwegen unterwegs bin (zumindest weiß ich dann aber immer noch, wie ich mich dort zu verhalten habe und wer dort den Vorrang genießt).

    Gegenseitige Rücksichtnahme sollte das oberste Gebot im Straßenverkehr sein. Insbesondere die schwächeren Verkehrsteilnehmer sollten viel mehr Rücksichtnahme genießen, aber dieses Verhalten muss ja irgendwo herkommen. Dieses Verhalten muss bereits in der Sozialisation vermittelt werden und es ist ja nicht nur im Straßenverkehr vonnöten.

    Mehr Rücksichtnahme könnte uns in vielen gesellschaftlichen Belangen zu einem Mehr an Lebensqualität führen.

    Ansonsten wollte ich noch eben loswerden, dass mir deine Schreibe ganz gut gefällt und dass ich bei Gelegeneheit gerne mal wieder vorbeischaue.

    Es grüßt

    Eduard vom Steinhof (http://www.neue-havanna-zeitung.de)

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